Gastbeitrag: Wie sich mein Leben durch einen Schüleraustausch verändert hat

18:43:00 SixSights 2 Comments


Ich muss zugeben: ich bin faul. Die Schule hat mich nie so richtig interessiert und mit 16 wusste ich auch ehrlich gesagt nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Ich fühlte mich eingeengt und hatte Fernweh. Nachdem ich eine Veranstaltung einer Austauschorganisation besucht hatte, wusste ich, was ich wollte: Einen Schüleraustausch. Einfach raus und die Welt entdecken.


Der lange Weg ins Ausland


Meine Eltern waren anfangs weniger von der Idee begeistert, denn neben den Kosten hatten sie auch Angst, dass mir in der Fremde etwas passieren könnte. Ich musste sie einige Wochen bearbeiten, bis sie eingesehen haben, dass so ein Schüleraustausch vielleicht doch eine gute Idee sei. Wir entschieden uns für eine Austauschorganisation aus der Nähe unseres Wohnorts und vereinbarten einen ersten Beratungstermin. Der Mitarbeiter, der eine Woche später kam, war sehr nett und hatte es drauf, meine Eltern diesen Schüleraustausch schmackhaft zu machen. Da ich mich für den Schüleraustausch in die USA entschieden hatte, begann nach dem ersten Beratungstermin der ganze Bürokratie-Irrsinn. Das Ganze hatte sich dann etwas hingezogen, aber die Mitarbeiter hatten einen während des ganzen Prozesses super unterstützt. Man fühlte sich nie im Stich gelassen. Gleichzeitig begann die Suche nach der richtigen Gastfamilie. Meine Mutter war dabei super pingelig und hat sich jede Gastmutter intensiv angeschaut und tausend Fragen gestellt. Ich fand das anfangs etwas nervig, aber ich konnte sie auch verstehen: Immerhin übergab sich mich für 5 Monate einer fremden Familie. Da hat man als Mutter ja doch ein komisches Gefühl. Die Wahl fiel dann auf eine Gastfamilie in der Nähe von Orlando. Die Gasteltern waren super nett und die beiden Kinder noch recht jung, was für mich aber ok war. Die Gastschule lag etwa 20 Kilometer vom Haus meiner Gastfamilie entfernt. Ich war neugierig auf die Gegend und stellte mir in meiner Fantasie vor, wie es wohl sei, am Strand zu chillen und auf die typischen amerikanischen Parties zu gehen. Auf die Schule war ich gespannt, hatte aber auch etwas Angst, dass man mich als Gastschüler dort irgendwie blöd behandeln würde. Der Zeitraum bis zum Abflug verging echt langsam, aber bis zum Schluss gab es immer wieder ein paar Probleme mit dem Flug 
und den amerikanischen Behörden. Ein Glück haben uns die Mitarbeiter der Austauschorganisation geholfen, sonst wären wir echt aufgeschmissen gewesen. An einem bewölkten Augusttag war es dann so weit: Das Abenteuer USA konnte beginnen.



Schüleraustausch USA – Eine spannende Zeit


Stunden später landete der Flieger am Orlando International Airport und ich bekam einen Schock. Es war heiß! Sehr heiß! Daran musste ich mich erstmal gewöhnen. In der Ankunftshalle wartete bereits meine Gastfamilie mit einem Schild und bunten Ballons auf mich. Die Begrüßung war sehr herzlich und auf dem Weg zum neuen Zuhause fragten mich meine Gasteltern alles Mögliche. Sie waren super nett und gaben mir ab der ersten Sekunde das Gefühl, Teil der Familie zu sein. Mein neues Zuhause lag in der Stadt Titusville und war eine typische Kleinstadt. Das Haus war echt schön, hatte den typischen Pool und die Nachbarn fuhren alles dicke SUV-Autos. Die Gegend entsprach dem typischen USA-Klischee, inklusive Burgerläden an jeder Ecke. Die Gastschule heißt witzigerweise Astronaut High School und war riesig. Kein Vergleich zu meiner Schule in Deutschland. Meine Mitschüler waren die ersten Tage noch etwas skeptisch, aber da an dieser Schule Fußball angeboten wurde und die Mannschaft wohl sehr gut war, wurde ich schnell akzeptiert und fand nach einer Woche die ersten Freunde. Was soll ich sagen? Die Zeit bis Weihnachten verging rasend schnell. Ich hatte Schule, Training, Fußball-Spiele und am Wochenende fuhren wir an den Strand und besuchten das Kennedy Space Center, welches direkt vor unserer Haustür lag. Ich sah Alligatoren und ging mit meinem Gastvater tauchen, wir rasten mit dem Boot eines Nachbarn durch die Everglades und erlebte tatsächlich die typischen amerikanischen Parties mit. Es war genauso, wie ich es mir in Deutschland vorgestellt hatte. Abends cruisten wir mit dem Longboard durch die Straßen oder grillten im Garten Rippchen. Mein Englisch war nahezu perfekt und ich konnte bereits Wortspiele machen. Vor 6 Monaten konnte ich nicht mal die einfachsten Vokabeln! Jede Woche skypte ich mit meinen Eltern und erzählte, was ich die letzten Tage so gemacht hatte. Ich war begeistert von den USA und mochte die Leute und die Natur. Nur das Essen war manchmal etwas speziell und ziemlich fettig. Zwar gab es in Titusville auch gesunde Sachen zu kaufen, aber meine Gasteltern zogen es lieber vor typisch amerikanisch zu essen. Ich fand das nicht schlimm, aber als veganer hat man es in einigen Teilen der USA sicher schwer. Die Zeit verging wie im Flug und an Silvester wurde mir bewusst, dass ich ja bald wieder nach Deutschland zurückkehren musste. Ich hatte mich eingelebt und irgendwie fühlte ich mich als halber Amerikaner. Wie würde ich in Deutschland wieder zurechtkommen? Und würde sich mein Englisch in Deutschland wieder verschlechtern? Mein Kopf schwirrte!




Goodbye USA – Hallo Deutschland



Als das Flugzeug über Florida schwebte, hatte ich etwas Wehmut. Ich vermisste meine Gasteltern und hatte noch das Versprechen meiner Gastmutter im Ohr. Jederzeit dürfte ich sie anrufen oder besuchen, so erzählte sie mir es mit Tränen in den Augen am Flughafen. Auch den beiden Kindern fiel der Abschied sichtlich schwer. Der Flug nach Frankfurt dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Als ich endlich die Lichter vom Flughafen sah, war es schon dunkel und ich war müde und schlecht gelaunt. Jetzt begann wieder der Alltagstrott. Regennasse Tage und kein Strand in der Nähe. Ich vermisste das warme Wetter, die tolle Natur und irgendwie sogar das Essen. Meine Eltern holten mich am Flughafen ab. Klar freute ich mich, wieder in Deutschland zu sein, aber irgendwie hing mein Herz noch an den USA bzw. an Florida. Als die Schule wieder begann, war ich natürlich der Beste in Englisch. Aber auch in Mathe und Physik fiel mir der Lernstoff plötzlich leichter. Ich war selbstbewusster und ehrgeiziger. Ich hatte meine Einstellung zur Schule geändert. Warum? Ganz einfach: In den USA zählt Leistung. Durchmogeln ist da nicht drin. Diese Einstellung hatte ich verinnerlicht und lebte auch in Deutschland danach. Das machte sich am Ende des Schuljahres bezahlt. Überall waren die Vieren und Dreier-Noten verschwunden. Das Zeugnis war besser geworden und ich konnte in die Oberstufe wechseln. Meine sehr guten Englischkenntnisse machte ich zu Geld, indem ich Schülern Nachhilfeunterricht gab. Das lohnte sich echt und sprach sich wohl rum. Viele meiner „Schüler“ verbesserten sich extrem. Das fand ich super und machte mich auch stolz.


Mein Fazit fällt daher sehr positiv aus. Dieser Schüleraustausch hat mich selbstständiger, ehrgeiziger und zielstrebiger gemacht. Ich habe neue Erfahrungen gesammelt und spreche perfekt Englisch. Ich bin fokussierter und habe etwas von der Welt gesehen. Mein Rat ist: geht hinaus in die Welt! Macht einen Schüleraustausch und seid mutig. Wagt diesen Schritt. Ihr werdet ihn garantiert nicht bereuen.

Über den Autor:
Johannes Brümmer ist studierter Medienwissenschaftler sowie freier Texter und lebt in Köln. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit Themen aus den Bereichen E-Commerce, IT und Social Media.

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Kommentare:

  1. Ein toller Beitrag der auch wieder zeigt, wie toll es sein kann, seinen Horizont zu erweitern, was ja auch in Verbindung mit anderen Kulturen und Ländern sein kann. Sehr schön geschrieben und die Bilder schaffen einen tollen Einblick über Orlando.

    lg Nadine von Nannis Welt

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  2. Oh, liebe Ines...wie ich Dich um diese Erfahrung beneide!
    Danke, daß Du uns in diesem wunderbaren Artikel an Deinem Erlebnis teilhaben lässt! Ein Erlebnis, was ich immer gerne gehabt hätte! Es gibt nicht viel, worum ich Euch -im Westen geborenen - beneide. Schüleraustausch mit den USA ist eins davon! Diese Erweiterung des Horizontes in frühen Jahren und das "Sprache lernen" hätte ich mir auch mit 16-18 Jahren gewünscht. Sei Dankbar um diese Erfahrung! Ich habe meine Erfahrungen später gemacht. Den Horizont auch erweitert und sogar englisch gelernt. Aber im "jugendlichen Wahnsinn" wäre das alles viel lustiger und einfacher gewesen! Toll...das Du das erleben durftest!
    Danke für den Artikel! Er hat eingige Jugenderinnerungen wachgerüttelt
    Liebe Grüße Simone aus der www.Best-Ager-Lounge.com

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